- 30.09.2024
Der folgende Artikel über den Verzicht beziehungsweise die Reduktion von Torf als Basis für Kultursub-strate ist der erste in einer Reihe von Fachbeiträgen zu technischen Themen, mit der die Marketinginitiative Stars for Europe (SfE) die Nachhaltigkeit im Gartenbau fördern und die europäischen Erzeuger noch umfassender als bisher unterstützen will. Der Artikel stammt vom englischen Substratexperten Neil Bragg im Auftrag von SfE. Er wurde ergänzt um Beispiele und Initiativen aus verschiedenen anderen Ländern zur Torfreduktion in Kultursubstraten.
Viele Poinsettienproduzenten in Europa führen derzeit Versuche durch, um den Torfanteil in Substratmischungen zu reduzieren oder ganz zu beseitigen, um den CO2-Fußabdruck der Substrate zu reduzieren. Das Vereinigte Königreich wird voraussichtlich als erstes europäisches Land ein Torfverbot im professionellen Gartenbausektor erlassen. So hatte es zumindest die letzte Regierung geplant. Möglich wäre dies, da Großbritannien kein Teil der EU ist. In Deutschland hat die Regierung lediglich freiwillige Ziele ausgegeben, nach denen versucht werden soll, bis zum Jahr 2030 soweit wie möglich auf Torf im Erwerbsgartenbau zu verzichten. In den Niederlanden gibt es eine verbindlichere Einigung mit der Politik (Covenant). Nach einer Empfehlung der Universität Wageningen soll der Anteil von Torf in professionellen Kultursubstraten dort bis 2030 auf 50 Prozent reduziert werden.
The new series kicks-off with a piece on going peat-free by substrate expert Neil Bragg. Neil is a soil scientist based in the UK – which is expected to become one of the first European countries to introduce a ban on peat in professional horticulture. As such, much of Neil’s recent work has focused on development of new substrates with peat-free mixes. Here, he shares his experience.
In den 1930er Jahren mischten die meisten Gärtnereien ihre Blumenerden für Containerpflanzen selbst. Die Zusammensetzung dieser Substrate war sehr unterschiedlich, was sich in der Qualität des Pflanzenwachstums niederschlug. Im Vereinigten Königreich wurden zwei Wissenschaftler, die am späteren John Innes Institute arbeiteten, gebeten, eine einheitliche Aussaat- und Topfmischung zu entwickeln, die es allen Jungpflanzen aus den Zuchtprogrammen erlaubt, sich zu entwickeln und ihre charakteristischen Eigenschaften zu zeigen. Dies führte zu den inzwischen berühmten „John Innes – Aussaat- und Topfmischungen“, die auf einer sterilisierten Lehm-, Torf- und Sandmischung mit Grunddüngern in den empfohlenen Mengen basierten. Diese Basismischungen entwickelten sich zu einem Arbeitsstandard. Später wurden sie durch zusätzliche Mischungen ergänzt, die höhere Düngemittelmengen für das Anpflanzen längerfristiger Kulturen enthielten.
Die nächste große Veränderung in Bezug auf Blumenerden erfolgte in den 1950/60er Jahren mit der Einführung von Torfmischungen. Diese brachten eine Reihe von Veränderungen in Bezug auf die Bewässerungsverfahren, die Zugabe von Dünger zu den Mischungen sowie die spätere Nachdüngung mit sich. Auch die Interpretation der analytischen Ergebnisse ist eine Herausforderung. Die Mischungen wiesen eine sehr viel geringere Dichte auf und die Fähigkeit zur Wiederbefeuchtung war im Vergleich zu Mischungen, die Erde und Sand enthielten, oft problematisch. Es gab Variationen in den Mischungen; von reinem Torf über Torf mit Sand und/oder Splitt (UC Davis Systemmischungen), um die Dichte zu erhalten, bis hin zur radikaleren Variante der Penn State University, bei der Perlit hinzugefügt wurde, um Torf-Erde-Mischungen für Topfpflanzen zu erhalten. Bis in die 2000er Jahre wurden hauptsächlich Variationen der Mischungen der 1960er Jahre für Containerpflanzen verwendet.
Im Vereinigten Königreich wurde seit den 1990er Jahren sowohl von nichtstaatlichen Umweltschutzorganisationen als auch von Regierungsstellen zunehmend Druck ausgeübt, die Verwendung von Torf im Gartenbau zu verringern und letztendlich ganz einzustellen. In anderen europäischen Ländern wie Deutschland und den Niederlanden gab es ähnliche Bestrebungen. Und einige Länder wie die Schweiz geben an, bereits „torffrei“ zu sein. Tatsache ist, dass es in ganz Europa ernsthafte Anstrengungen gibt, die Verwendung von Torf im Gartenbau zu reduzieren. Einige Sektoren der Branche, wie z. B. die Produzenten von Beerenobst, sind seit Anfang der 2000er Jahre von torfhaltigen Substraten zur Verwendung von hauptsächlich kokosfaserhaltigen Pflanzsäcken und gefüllten Pflanztrögen übergegangen und haben damit großen Erfolg. Der Anbau von Tomaten, Paprika und Gurken wurde schon vor vielen Jahren teilweise auf semi-hydroponische Systeme umgestellt. Die wichtigsten Bereiche, in denen die Umstellung auf torfreduzierte oder torffreie Blumenerden noch nicht abgeschlossen ist, sind beispielsweiseTopfpflanzen, Moorbeetpflanzen oder Gemüsepflanzen (gilt für UK). Darüber hinaus ist Torf in der Champignonproduktion nach wie vor unersetzbar. Er wird für die „Deckschicht“ auf dem Kompost verwendet, um die Bildung von Fruchtkörpern zu ermöglichen.
Die wichtigste Frage, die es zu beantworten gilt, lautet: Was machte Torf so erfolgreich und was sind die wirklichen Herausforderungen bei der Umstellung auf torffreie Substrate? Torf entsteht über Hunderte von Jahren durch die Ansammlung verschiedener Moose wie z. B. Sphagnum in stehendem Wasser. Die besonderen Bedingungen, z. B. der sehr niedrige Sauerstoffgehalt im Moor, verhindern die normale Zersetzung des Pflanzenmaterials und erhalten, anders als bei einem normalen Kompostierungsprozess, die Strukturen der Moose. Bei der Gewinnung von Torf aus dem Moor und der Trocknung an der Erdoberfläche oxidiert der vorher gebundene Kohlenstoff und entweicht als Kohlendioxid (CO2) in die Atmosphäre. Die Pflanzenrückstände sehen zwar aus wie das ursprüngliche Pflanzenmaterial, sind aber in Wirklichkeit konservierte/stabilisierte Überreste. Die im Moor entwickelten Eigenschaften sorgen dafür, dass das Pflanzenmaterial sehr stabil gegenüber einer weiteren Zersetzung ist. Außerdem weist Torf einen niedrigen pH-Wert auf und kann wie ein Schwamm Wasser absorbieren und zurückhalten. Unter aeroben Bedingungen kompostierte Materialien entwickeln keine vergleichbare Stabilität, noch weisen sie ähnliche Merkmale auf. Torf unterscheidet sich damit von allen gängigen organischen Materialien, die derzeit in Blumenerden verwendet werden oder in Zukunft verwendet werden könnten. Somit zählt Torf auch weiterhin zu den am häufigsten eingesetzten Substratausgangsstoffen.
Derzeit werden folgende Bestandteil von Substraten als Torfersatzstoffe verwendet:
- Rinden, sowohl frisch als auch kompostiert,
- Kokosfasern und Kokosmark (Cocopeat), aus dem von der äußeren Schale der Kokosnuss abgelösten Mark,
- Kompostierte Grünabfälle, hauptsächlich aus ausgewählten Arten von Holzabfällen und Grünschnitt. Im Vergleich zu den in Deutschland angewandten RAL-Standards werden diese im Vereinigten Königreich bisher nicht gut kontrolliert.,
- Holzfasern, die fast ausschließlich aus Kiefernspänen gewonnen und mit verschiedenen Methoden (Hammermühle; Dampf- und Druckextrusion) in unterschiedlichen Körnungen hergestellt werden.
- Andere Materialien wie abgetrennte Feststoffe aus bestimmten anaeroben Prozessen (AD) und Biokohle aus verschiedenen Pyrolyseprozessen werden in einigen Nischenmischungen verwendet, jedoch verhindern Menge und Preis der Inhaltsstoffe oft eine breitere Anwendung.

Die Einführung einer zunehmenden Anzahl neuer Materialien bringt eine Reihe von Herausforderungen mit sich, die es zu bewältigen gilt, um eine qualitativ hochwertige Pflanzenproduktion zu gewährleisten. Die wichtigsten sind die Wasseraufnahme und -speicherung, die Stickstoff-Immobilisierung durch Mikroorganismen, die die Materialien in die Mischung einbringen, sowie die Häufigkeit zusätzlicher Düngergaben, um eine hohe Qualität sicherzustellen.
Für die Anbieter von Kultursubstraten und die Erzeuger geht es nicht einfach darum, einen einzelnen Inhaltsstoff in den Substraten auszutauschen, sondern vielmehr um die Umstellung auf potenziell recht komplexe Mischungen, die eine Reihe von Herausforderungen mit sich bringen. Zunächst einmal kann man nicht davon ausgehen, dass die Pflanzen gut gedeihen, wenn in der Gärtnerei die gleichen Bewässerungs- und Düngeverfahren angewandt werden, wie sie früher und auch heute bei torfhaltigen Mischungen üblich sind.
- Die neuen Mischungen erfordern Anpassungen in Bezug auf die Bewässerungsmenge und -häufigkeit.
- Die Art der Düngemittel, sowohl für die Grunddüngung als auch für die Zusatzdüngung der Kulturen, muss angepasst werden. Problematisch sind dabei vor allem die sehr hohen Konzentrationen von Kalium und teilweise von Chlorid und Sulfaten in den neuen Mischungen. Darüber hinaus entfällt bei den neuen Mischungen die gewohnte Zufuhr von Kalzium und Magnesium. Diese erfolgte bisher aus dem Kalkstein, der zur Veränderung des natürlichen Säuregehalts des Torfs verwendet wurde, so dass eine alternative Versorgung mit diesen Elementen erforderlich ist. Verschiedene Düngemittelhersteller haben dieses Problem erkannt und arbeiten an neuen Mehrnährstoffdüngern speziell für torffreie Mischungen.
- Die in den Mischungen zusätzlich verwendeten organischen Bestandteile binden Stickstoff, um die mit ihnen einhergehenden Mikroorganismen zu versorgen. Dies kann sich durch die Beimischung zusätzlicher organischer Materialien noch verstärken, weil bei den Mikroorganismen eben nicht 1+1=2 gilt. Daher ist es notwendig, ab dem ersten Eintopfen zusätzlichen Stickstoff in Form von wasserlöslichen Düngern zuzuführen, bis die gewünschte Qualität der Pflanzen erreicht ist. Dies wird im Allgemeinen durch die Verwendung von wasserlöslichen Düngern für Gewächshauskulturen erreicht, es können jedoch auch Langzeitdünger verwendet werden. In jüngster Zeit besteht außerdem verstärktes Interesse an der Verwendung von organischen Zusatzdüngern.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich alle Akteure bei der Verwendung torffreier Mischungen zurzeit in einem anhaltenden Lernprozess befinden. Ein sinnvolles Vorgehen ist es, Mischungen aus ein oder zwei Bestandteilen zu verwenden und zu lernen, wie man Pflanzen darin anbaut. Dabei sollte man so verfahren, dass die neuen Mischungen getrennt von den seit langem eingesetzten torfhaltigen Mischungen eingesetzt werden. Die Bewässerung und der Düngemitteleinsatz sollten angepasst und vor allem Proben des frischen Kultursubstrats analysiert werden. Im Vereinigten Königreich existiert seit 1998 ein „Poinsettia Monitoring Programm“ für Züchter, das eine Reihe regelmäßiger Analysen vorsieht, angefangen bei der Ankunft der neuen Anzuchtsubstrate bis hin zum bevorstehenden Verkauf der fertigen Pflanzen. Das Kontrollprogramm startet in der Regel mit einer Analyse des Wassers, um insbesondere den Bikarbonatgehalt zu ermitteln. In Deutschland gibt es beispielweise mit dem Programm „Finito“ der Landwirtschaftskammern kostenfreie Unterstützung auf dem Weg der Torfreduktion.
Interessant ist, dass die Wasserversorgung über Bohrlöcher und Leitungen, die in der Vergangenheit bei torfhaltigen Mischungen ein Problem darstellte, bei torffreien Mischungen sehr vorteilhaft sein kann, was die Versorgung der Pflanzen mit Calcium und Magnesium betrifft. Wird hingegen reines Regenwasser zur Bewässerung verwendet, muss die Versorgung der Pflanzen mit Kalzium und Magnesium sichergestellt werden. Dies kann zum Teil durch die Verwendung von Kalziumnitrat- Düngemitteln erreicht werden, es müssen jedoch zusätzlich wasserlösliche Düngemittel mit Kalzium und Magnesium in Betracht gezogen werden. Im Rahmen des Überwachungsprogramms werden außerdem alle zwei bis drei Wochen nach dem Stecken der Pflanzen Blattproben entnommen, um sicherzustellen, dass die Pflanzen mit allen erforderlichen Nährstoffen versorgt sind. Besonderes Augenmerk wird dabei auf den Phosphatgehalt der Blätter gegen Ende August und Anfang September gelegt, wenn die Entwicklung der Blütenknospen beginnt. Die Anwendung eines derartigen Monitoring-Programms unterstützender Analysen ist bei der Umstellung von torfhaltigen Mischungen auf torffreie Mischungen von zentraler Bedeutung.
(Von Neil Bragg, Substrates Associate Ltd, UK)
